James Brown: It‘s A Man‘s Man‘s Man‘s World

Vom Altmeister des Funk gibt es seit letzter Woche (25. Oktober) auf dem Album Live At Home with His Bad Self den Mitschnitt eines Konzerts aus dem Bell Auditorium in Augusta, Gorgia, vom 01. Oktober 1969.

Trotz des analogen Ausgangsmaterials ist es dem Produzenten und Toningenieur Peter A. Barker bei der Neu-Abmischung gelungen, die Stimmung des Konzerts passend zu heutigen Hörgewohnheiten auf Vinyl (und auf CD) zu bringen.

Die Show in Browns Heimatstadt Augusta wurde aufgenommen, um ein Live-Album zu veröffentlichen. Dazu kam es aber nicht, weil der (heutige Klassiker) Sex Machine in 1970 die Charts stürmte, auch ohne zusätzliches Album vorab.

Dafür ist jetzt, 50 Jahre später, das gesamte Konzert auf Live At Home with His Bad Self zu hören, inklusive der Ansprachen von Brown. Mit dabei im Set: Maceo Parker, den man auch heute noch mit druckvollem Funk live erleben kann (in München zuletzt am 31. Mai 2019).

St. Vincent und David Byrne: Love This Giant

Obwohl es diese Woche mehrere erwähnenswerte Neuerscheinungen gab (u.a. Threads von Sheryl Crow und I, I von Bon Iver): Hier das Album Love This Giant von St. Vincent und David Byrne aus dem Jahr 2012.

Schon die Instrumentierung ist ungewöhnlich für ein Pop (?) – Album: Begleitung mit Bläserensemble ist in dem Genre nicht unbedingt Standard. Die Songs sind von funky (Weekend In The Dust) über hymnisch (Optimist) bis orchestral (Outside Of Space And Time) gehalten. Und die Stimmen von St. Vincent und Byrne harmonieren außergewöhnlich gut bei den Songs.

Ulf Kubanke in seiner Rezession auf laut.de:

Eine perfekte Platte als bunter, glücklich machender Ohrensturm, der den Player nie mehr verlassen möchte.

Ob es tatsächlich ein moderner Klassiker werden wird, wie von Kubanke vorhergesagt, sei mal dahingestellt. Aber auf jeden Fall ein außergewöhnliches und hörenswertes Werk.

Sheryl Crow feat. St. Vincent: Wouldn’t Want To Be Like You

Recht imposante Geriatrie-Versammlung, die Sheryl Crow hier ein Album nennt.

Mit diesen Worten beginnt Jakob Biazza auf sz.de die Vorstellung des am 30. August erschienenen Albums Thread von Sheryl Crow. Als Gäste hat Crow u.a. mit dabei: Bonnie Raitt, Eric Clapton, Sting, Brandi Carlile, Johnny Cash, Neil Young, Keith Richards, … Zu jedem der 17 Songs hat sie andere ihr wichtige (Weg-)Begleiter eingeladen.

Was dabei rauskommt: Jakob Biazza beendet die Vorstellung des Albums mit dem Satz

[…] was die große Versammlung hier an Rock und Blues und Folk (und ganz klein wenig Rap) abliefert, ist unterm Strich schließlich: oft ziemlich gut. Und das muss doch dringend mal wieder reichen.

Das übernehme ich einfach mal so von ihm :-).

Schon letztes Jahr wurde die Single Wouldn’t Want To Be Like You veröffentlicht als Teaser für das Album. Crows Gast ist hier Annie Clark (alias St. Vincent).

Wer was ganz Anderes hören will, kann in das 2012 erschienene Album Love This Giant von Annie Clark und David Byrne reinhören.

The Ukulele Orchestra Of Great Britain: Highway To Hell

Zu Highway To Hell von AC/DC muss man nicht viel erzählen. Die Cover Version von The Ukulele Orchestra Of Great Britain dürfte im Vergleich zum Original ein Schattendasein führen, hat aber auch ihren Charme.

Dank an Christian, der mich auf die Combo aufmerksam gemacht hat!

Als Spaß-Projekt in 1984 begonnen, wurde das Orchestra zu einem beliebten Live-Act. Dazu die Beschreibung von ihrer Web-Site ukuleleorchestra.com:

A concert by the Ukulele Orchestra is a funny, virtuosic, twanging, awesome, foot-stomping obituary of rock-n-roll and melodious light entertainment featuring only the “bonsai guitar” and a menagerie of voices in a collision of post-punk performance and toe-tapping oldies.

Wie so oft, wenn engagierte Musizierende, gleich welcher Musikrichtung, zusammen finden, kann der Funke – insbesondere bei Live-Konzerten – auf die Zuhörenden überspringen.

Stilistisch auf den ersten Blick passender für Ukulele als Highway To Hell sind die Interpretationen auf dem Album The Keeper aus dem Jahr 2016 mit traditionellen englischen und amerikanischen Folk-Songs aus der Sammlung von Cecil James Sharp. Reinhören lohnt sich.

Windsbacher Knabenchor / Simone Rubino: Water & Spirit – Making of

Heute gibt es mal kein einzelnes Stück, sondern das „Making of“ – Video zu der am 05. Juli erschienenen CD Water & Spirit, eingespielt vom Windsbacher Knabenchor und dem italienischen Perkussionisten Simone Rubino unter der Leitung von Martin Lehmann.

Die Werke aus dem Barock (u.a. Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach), der klassischen Moderne (Francis Poulenc) und der Gegenwart (Javier Busto) kreisen um den Pfingsthymnus „Veni creator spiritus – Komm, Schöpfer Geist“.

Das Making Of zeigt schön, wie hier eine Menge kreativer Musikalität zusammenkommt und die Beteiligten Bekanntes und Neues frisch aufbereitet servieren.

Water & Spirit ist keine CD zum Nebenbeihören. Aber wer Zeit & Muse mitbringt, kann sich überraschen lassen.

Serena Fisseau, Vincent Peirani: And I Love Her

Oft ist es ja so, dass man auch bei Coverversionen schon nach den ersten paar Tönen erkennt, welches Original hier bearbeitet wurde. Nicht so bei And I Love Her in der Interpretation durch die französisch-indonesische Sängerin Serena Fisseau und ihren Ehemann Vincent Peirani, Akkordeonist und Klarinettist.

Das Album So Quiet, von dem das Stück stammt, ist eine ganze Sammlung solch eher ruhig und sehr eigenständig interpretierter Stücke. Auch wenn es unter Kindermusik einsortiert ist, ist die Musik alles andere als kindlich primitiv. So Quiet ist auch ein Album für Erwachsene. Erschienen ist es am 24. Mai.

Faszinierend die Stimme von Fisseau in ihrer sanften Klarheit und Deutlichkeit. Man hört ihr an, dass sie in vielen Sprachen zu Hause ist und Sprache liebt.

Wem And I Love Her gefällt, dem kann ch nur empfehlen, sich das ganze Album zu holen.

Die Produktbeschreibung von ACT (das Label, bei denen So Quiet erschienen ist) trifft den Inhalt der CD ganz gut. Daher erlaube ich mir, diese Beschreibung hier einfach zu zitieren (Quelle: actmusic.com):

Ruhe. Ein kostbares Gut. Heute vielleicht mehr denn je. In der Musik von Akkordeonist Vincent Peirani und der Sängerin Serena Fisseau wird sie hörbar. In den Räumen zwischen den Tönen, die hier fast wichtiger sind, als die Töne selbst. Eine unwiderstehlich leichte, oft fröhliche, klare Musik, die ihre Intimität vor allem daraus zieht, dass Peirani und Fisseau nicht nur künstlerisch ein Paar sind, sondern auch im „richtigen“ Leben. Die Stücke von „So Quiet“ haben sie für ihre Kinder aufgenommen. Und für alle anderen Kinder. Und alle Erwachsenen, die sich für die Dauer eines Albums in eine kindliche Unbeschwertheit zurückträumen wollen.

Das diese Musik so unwiderstehlich leicht klingt, liegt zweifellos daran, dass sie von zwei herausragenden Könnern gespielt und gesungen wird. Serena Fisseau treibt seit jeher eine große musikalische Neugier an. Sie hat Klassisches ebenso gesungen wie Gospel, Blues, Latin, Rock und Jazz, und sich obendrein viel mit dem gesprochenen Wort und seiner Lyrik beschäftigt. Schließlich hat sie sich in Frankreich und darüber hinaus vor allem mit Liedern, Alben und Projekten für Kinder („D’une île á autre“, „Nouchka et la grande question“ oder „L’échappée belle“) einen Namen gemacht. Vincent Peirani ist nicht weniger als der größte Innovator des Akkordeons unserer Tage, der vom führenden französischen Jazz Magazine zum „Künstler des Jahres 2018“ gewählt wurde. Beide sind sie weltoffene Eklektizisten: Die indonesisch-stämmige Französin Fisseau schon kraft ihrer Herkunft und durch ihr Faible für Sprachen, der Südfranzose Peirani bei seiner von der Klassik über die mediterrane Musik zum Jazz führenden Karriere.

Jedoch stehen Virtuosität, Erfahrungsschatz und Vielseitigkeit bei „So Quiet“ im Hintergrund, sind nur Mittel für den berührend-klaren Ausdruck der Stücke. Hier geht es einfach nur um die schlichte Schönheit der Musik. Ob sie nun vom Chansonnier Serge Gainsbourg stammt („La Javanaise“), vom unerreichten Meister des Easy Listenings Burt Bacharach („Close to You“) oder von den Magiern des Pop, den Beatles („And I Love Her“); ob indonesische Volksmusik („Bintang Kecil“) Pate steht, die Musica Populeira Brasileira eines Caetano Veloso („Alguem Cantado“) und eines Antonio Carlos Jobim („Luiza“) oder ein Standard aus dem Great American Songbook wie „What a Wonderful World“; ob auf Französisch, Indonesisch (Fisseaus Muttersprachen), Englisch oder Portugiesisch; ob mit Akkordeon, Akkordina, Wurlitzer E-Piano, Body Perkussion oder Plastiktüte. Fisseau und Peirani schälen die Essenz dieser zeitlosen Meisterwerke heraus. Auf die denkbar natürlichste Weise. Nur mit Stimme, einem Instrument und viel Ruhe – beispielhaft zum Schluss zu erleben bei der wahrhaft verzaubernden Version des bekanntlich aus dem Familien-Musical „Der Zauberer von Oz“ stammenden Over The Rainbow“.

Jeder kann bei diesem Album im Geiste mitsummen und mitträumen, gleich jeden Alters, jeder Herkunft oder jeder musikalischen Vorbildung. „So Quiet“ ist ein Fest für die Sinne, eine unwiderstehliche Aufforderung, sich wieder einmal Zeit zu nehmen, sich im Wohnzimmer einzukuscheln und sich davontragen zu lassen vom Gesang und dem Akkordeon. Ganz ruhig.

The Divine Comedy: Queuejumper

Nein, mit der Göttlichen Komödie hat die nordirische Band The Divine Comedy inhaltlich nichts zu tun (auch wenn Dantes Werk namensgebend war, weil Sänger Neil Hannon bei der Suche nach einem Bandnamen 1989 zufällig genau dieses Buch im Bücherregal sah).

Wie auch immer. Comedy passt dann schon irgendwie. Die Geschichten auf ihrem Album Office Politics sind alles andere als lustig. Aber den Kontrast zwischen Musik und Texten muss man erst mal so hinbekommen, dass es am Schluss doch wieder zusammen passt.

Musikalisch fahren The Divine Comedy eine Menge auf: Funky, Soul, Electro, Disco, Pop … und was nicht sonst alles. Sehr überzeugend gemacht. Am Ende bleibt der Eindruck, dass da eine Truppe begnadeter Musiker unterwegs ist, mit einer guten Portion (selbst-)ironischer Distanz und sehr kritischem Blick auf das, was um sie herum passiert.

Office Politics bietet nicht unbedingt Stücke zum Entspannen, aber knapp zwei Stunden interessante Musik. Hat mehr von einer Oper als von einem Pop-Album. Den in den Texten transportierten pessimistischen Blick auf die Arbeitswelt muss man ja nicht uneingeschränkt teilen.

Santana feat. Buika: Breaking Down The Door

50 Jahre nach Woodstock (und dem ersten Album Santana) gibt es das am 07. Juni erschienene Jubiläums-Album Africa Speaks von Carlos Santana. Den Gesang steuert diesmal Concha Buika bei, 1972 in Palma geborene Latin-Grammy-Gewinnerin mit familiären Wurzeln in Äquatorialguinea.

Ohrschmeichler und potenzielle Single-Hits wie auf Supernatural oder Shaman fehlen auf Afrika Speaks. Breaking Down The Door ist einer der geschmeidigeren Tracks (auch wenn die im Song erzählte Geschichte einer Frau, die den falschen Mann heiratet, nicht so geschmeidig ist…). Dafür hört man jede Menge des unverkennbaren Santana-Sounds, eine treibende Rhythmusguppe und Spielfreude. Wer Santana in „Rohfassung“ mag, kann sich an dem Album erfreuen.

In einem Interview von dpa erzählt Carlos Santana einiges zu den Hintergründen und Entstehung des Albums und zu seiner eigenen Geschichte.

Live sehen kann man Santana dieses Jahr (leider) nur in den USA und Kanada. Echte Fans können am 16. August nach Woodstock pilgern. Beim drei Tage dauernden Woodstock 50 Festival ist er am ersten Tag mit dabei.

Noel Gallagher’s High Flying Birds: Black Star Dancing

Die Single und das Video sind seit Anfang Mai online. Am Freitag ist jetzt auch die angekündigte EP Black Star Dancing erschienen.

Wer die anderen Sachen von Noel Gallagher kennt, wie z. B. von seinem letzten Album Dead In The Water, wird erstaunt bis enttäuscht sein. Was ist da jetzt passiert? Musik, zu der Nile Rodgers tanzt, der mit so vollkommen Un-Gallagherischen Songs wie We Are Family von Sister Sledge oder Get Lucky von Daft Punk einige Hits geschrieben und produziert hat?

Britop trifft auf Disco. Oder wie Noel Gallagher selber sagt:

It manages to combine the influences of David Bowie, INXS, U2, Queen, Indeep AND ZZ Top FFS! … I might have been watching too much Top Of The Pops recently … anyway, it’s ‘dope’ … not my words, but the words of Nile Rodgers who literally danced in the studio when he heard it!

Eine grandiose Fortsetzung im Stil von Oasis ist Black Star Dancing nicht geworden. Unter den Neuerscheinung der letzten Wochen trotz (wegen?) des „Stilbruchs“ aus meiner Sicht eines der Highlights.

Bad Religion: Do The Paranoid Style

Aus einem Interview mit Brian Baker auf loudersound.com:

I’m so keenly aware that it’s just simply music, but on the other hand, I think that it really has a potential to provoke thought and that’s the mission statement of Bad Religion. So in that sense, I would like to have what we sing about and the music we play motivate lots of new people to figure out that the kids are alt-wrong. The key here is the people; the listener rather than the music itself, I think it’s the listeners who have the power to change.

Die Erfinder des Melodic Punk sind zurück: Nach sechs Jahren Pause haben Bad Religion ihr 17. Studio-Album Age Of Unreason veröffentlicht. Zur Motivation der Kalifornier – warum gerade jetzt ein neues Album? – siehe den Ausschnitt aus dem Interview oben. Die Zeiten sind danach, Stellung zu beziehen. Das tun Bad Religion in gewohnter Manier. Gewohnt auch, was das Album musikalisch bietet.

Nichts wirklich Überraschendes also, solides Punkwerk. Age Of Unreason schließt in jeder Beziehung nahtlos an die mittlerweile 40-jährige Tradition der Band an, was durchaus als Qualitätsmerkmal gelten darf.